Familiengeschichten – Feridun Zaimoğlu: „Sohn ohne Vater“
Familiengeschichten – Identität, Verlust und Erinnerung
Am 5. Juni 2026 steht ein Thema im Mittelpunkt, das die deutsch-türkische Migrationsgeschichte bis heute prägt: die Familie als Ort von Erinnerung, Identitätsbildung und gesellschaftlicher Erfahrung.
Im Gespräch über den Roman „Sohn ohne Vater“ eröffnet Feridun Zaimoğlu eine vielschichtige Perspektive auf Migration als biografischen und emotionalen Prozess. Im Zentrum steht die Reise von Deutschland in die Türkei – zum Grab des verstorbenen Vaters. Diese Reise ist mehr als ein geografischer Ortswechsel: Sie wird zu einer Bewegung durch Erinnerung, Auseinandersetzung und Selbstverortung.
Der Vater erscheint dabei als Figur der ersten Generation – als Arbeiter, der zwischen zwei Ländern lebte, geprägt von Verantwortung, Erwartung und oft auch von inneren Widersprüchen. Zwischen Autorität und Fürsorge, Distanz und Nähe entsteht ein komplexes Bild, das exemplarisch für viele Familiengeschichten der Arbeitsmigration steht. Die Auseinandersetzung mit dieser Figur öffnet den Blick auf grundlegende Fragen: Was bedeutet Herkunft? Wie wird Erinnerung weitergegeben? Und welche Rolle spielen Verlust und Abwesenheit für die eigene Identität?
Die Reise im Roman führt nicht nur an einen konkreten Ort, sondern in eine familiäre Zwischenwelt – einen Raum, in dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Hier werden Fragen neu gestellt, die oft lange unausgesprochen bleiben: über Zugehörigkeit, über Brüche in der eigenen Biografie und über das Verhältnis zwischen den Generationen.
Diese literarische Perspektive wird im Gespräch mit der filmischen Arbeit „Heimaterde – Letzte Ruhestätte Türkei“ verbunden. Die Reportage begleitet die Überführung eines türkischen Gastarbeiters in sein Heimatdorf am Schwarzen Meer und zeigt eindrücklich, wie Migration auch über den Tod hinaus wirksam bleibt. Rituale, bürokratische Prozesse und familiäre Verantwortung machen sichtbar, wie stark die Bindung an Herkunftsorte fortbesteht – und wie komplex die Frage nach der „letzten Heimat“ ist.
Die Veranstaltung verbindet damit zwei Zugänge: Literatur und dokumentarische Beobachtung. Beide eröffnen unterschiedliche, sich ergänzende Perspektiven auf Migration als gelebte Realität – jenseits abstrakter Debatten.
Im Zentrum der Diskussion stehen dabei Themen, die viele Familien betreffen:
• Vaterrollen im Kontext von Arbeitsmigration
• Generationenbeziehungen zwischen zwei Ländern
• Verlust als identitätsprägende Erfahrung
• Familie als politischer Erfahrungsraum
Ein besonderer Fokus liegt auf der Frage, wie persönliche Geschichten in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet sind. Familien werden dabei nicht nur als private Räume verstanden, sondern als Orte, an denen gesellschaftliche Entwicklungen konkret erfahrbar werden.
In diesem Zusammenhang knüpft die Veranstaltung auch an das Projekt „60! Leben“ der Interkulturellen Denkfabrik e.V. an. In über 60 Interviews wurden Lebensgeschichten von Menschen dokumentiert, die die deutsch-türkische Migration über Jahrzehnte hinweg geprägt haben. Die Gespräche zeigen, wie stark Themen wie Arbeit, Familie, Trennung, Rückkehr und Zugehörigkeit miteinander verwoben sind – und wie unterschiedlich sie erinnert und erzählt werden. Die Interviews sind unter www.60leben.de zugänglich und bilden einen wichtigen Referenzrahmen für die Auseinandersetzung mit Migration als gelebter Erfahrung.
Die Veranstaltung entsteht in Kooperation mit den Bücherhallen Hamburg, dem Literaturzentrum im Literaturhaus Hamburg, Töder e.V., dem Interkulturellen Familienverbund e.V. sowie der Katholischen Akademie Hamburg.
Die Veranstaltung versteht sich als Raum für Austausch und Reflexion. Sie lädt dazu ein, persönliche und literarische Perspektiven zusammenzudenken und Migration nicht nur als historisches Ereignis, sondern als fortwirkende Realität zu begreifen.
Am Ende steht die Erkenntnis: Familiengeschichten sind keine Randnotizen der Geschichte, sondern ihr Kern. In ihnen spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und individuelle Lebenswege zugleich.
Ein Abend über Trauer, Herkunft und transnationale Identität – und darüber, wie Erinnerung unsere Gegenwart prägt.
Gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg
Venue Info
Bücherhalle Altona, Mercado, Ottenser Hauptstraße, Altona, Deutschland
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